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Containern: Lebensmittel aus dem Müll retten - ist das legal?

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Containern
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Während es die einen "Lebensmittelrettung" oder "Dumpster Diving" nennen, ist es bei den anderen ganz einfach Containern. Bis zu 3.000 Menschen sollen allein in Wien genießbare Lebensmittel aus Müllcontainern von Supermärkten fischen.

Was ist Containern?

Obst, Gemüse, aber auch viele verarbeitete Lebensmittel landen täglich in großen Mengen im Supermarktmüll, obwohl sie ohne Weiteres noch genießbar wären. Aufgrund abgelaufener Mindesthaltbarkeitsdaten, äußeren Makeln oder als Überschuss wird noch Essbares häufig entsorgt. Diese Waren aus dem Müll zu holen heißt Containern, wird aber auch "Lebensmittelrettung" oder "Dumpster Diving" genannt.

Das Containern passiert das oft aus einer Not heraus, manchmal auch aus Überzeugung – quasi als praktische Kritik an der Wegwerfgesellschaft, als Konsumverweigerung.

Abseits von Lebensmitteln landen auch nicht essbare Waren wie Bekleidung, Elektrogeräte oder Kosmetika im Müll, obwohl sie ihren Gebrauchswert keineswegs eingebüßt haben. In Ländern, wo leere Dosen und Flaschen pfandpflichtig sind, erwirtschaften Armutsbetroffene einen Teil ihres Einkommens durch Containern von Pfandgut. Da die Pfandgebühr pro Stück sehr niedrig ist, werfen es viele Konsument:innen ganz einfach in den Müll.

Gründe fürs Containern?

Allein in Österreich fallen jährlich 790.790 Tonnen an "vermeidbaren Lebensmittelabfällen" an, wie eine Prüfung des Rechnungshofs ergab. Dabei entfällt mehr als ein Viertel des Volumens auf Haushalte, 167.000 Tonnen auf die Landwirtschaft und etwa 120.000 Tonnen jeweils auf Handel und Produktion. Die Schätzungen gehen aufgrund der schwierig zu erhebenden Datenlage jedoch weit auseinander: 1.000.000 Tonnen weggeworfene Lebensmittel meinen die Grünen, während das Österreichische Ökologie-Institut nur knapp ein Drittel davon ermittelten konnte.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt die Lebensmittelverschwendung in der Europäischen Union auf jährlich etwa 100 Kilogramm pro Kopf.

Der Agenda 2030 der österreichischen Bundesregierung zufolge will man "bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten verringern". Im Regierungsprogramm wurde festgehalten, man wolle die Lebensmittelverschwendung verbieten. Über konkrete Anstrengungen dazu ist bisher allerdings nichts bekannt.

Argumente gegen das Containern

Tatsächlich birgt das Containern gesundheitliche Gefahren. Mit letzter Sicherheit kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich gesundheitsgefährdende Substanzen oder Keime auf den Lebensmitteln befinden. Speziell die Sommertemperaturen fördern das Verderben der Nahrungsmittel.

Reaktion der Supermärkte

Aufgrund der zunehmenden Popularität des Containerns und der breiten medialen Berichterstattung reagierten Supermarkt-Betreibende. Ein Sprecher des Rewe-Konzerns etwa sagte gegenüber dem ORF: "Es ist nicht erwünscht, dass Personen Lebensmittel aus unseren Müllcontainern nehmen." Im Müll befänden sich auch abgelaufene Produkte oder Rückrufartikel. "Daher können wir eine Gefährdung der Müllsammler nicht ausschließen."

Von Spar hieß es zuletzt laut DerStandard: "Wir akzeptieren das Mülltauchen oder Containern dort, wo das grundsätzlich möglich ist (Müllraum frei zugänglich), und solange nichts beschädigt oder verschmutzt wird."

Erfahrungsberichte zeugen davon, dass manche Supermarkt-Betreiber:innen das Containern wohlwollend akzeptieren, während andere gezielt Chlor, Kaffeesatz oder Rattengift über eigentlich genießbare Lebensmittel im Müll kippten. In anderen Fällen wurden noch intakte Verpackungen vor der Entsorgung aufgeschnitten.

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Wo geht man am besten containern?

Da sich der Supermarktmüll üblicherweise in versperrten Räumen befindet, braucht es in Wien den sogenannten Z-Schlüssel ("Postschlüssel") oder den Wienereinheitszylinder 2000 (WEZ 2000), einen Generalschlüssel von Müllabfuhr und Feuerwehr. In ländlichen Regionen sind die Tonnen oft besser erreichbar.

Die Digitalisierung macht auch vor den Mülltauchern keinen Halt: "Hallo, ich bin neu hier und suche in der Umgebung St. Pölten Möglichkeiten zum Containern. Gibt es da irgendwelche Tipps? Bzw. gute Spots?" In Chatgruppen tauscht man sich über passende Orte und mögliche Funde aus. Auf der Dumpstermap können zugängliche und gut gefüllte Supermarkttonnen im Wiener Umland verzeichnet werden. Denn derer gibt es auch heute noch mehr als genug.

Praktische Tipps fürs Containern

Wer Mülltauchen will, braucht laut Initiative Zero Waste Austria kaum Ausrüstung: "Wichtig sind ausreichend Tüten oder ein Rucksack zum Tragen. Ich kann es besonders empfehlen, mit dem Fahrrad containern zu gehen ...". Bei besonders großen Müllbehältern wagen es manche "Dumpster Diver" sogar, im wahrsten Sinne des Wortes im "dumpster zu diven", also in die Tonne zu springen.

Dort angekommen ist das noch Genießbare vom Verdorbenen zu unterscheiden. Bei Obst und Gemüse ist dies recht einfach: Üblicherweise ist häufig nur ein Stück in der Packung verdorben, während der Rest durchaus in Ordnung sein kann. Bei verpackten Lebensmitteln ist dies oft nicht ohne einen Blick in die Packung festzustellen, es sei denn, es handelt sich um Lebensmittel wie Joghurt oder Milch, welche die Packung aufblähen, sobald sie zu verderben beginnen. Brot wiederum kann schimmeln. In Supermarktcontainern findet sich aber selten Ungenießbares, da die Lebensmittel in der Regel täglich frisch angeboten werden. Die Plattform Foodsharing hält eine Anleitung bereit, wie man erkennen kann, welche Lebensmittel noch gegessen werden können. Dort heißt es: "Die wichtigste Regel ist: Im Zweifelsfall lieber nicht!".

Wann ist die beste Zeit zum Containern?

Containert wird in der Regel abends oder nachts, außerhalb der Öffnungszeiten der Supermärkte. So soll eventuellen Beschwerden durch Supermarkt-Bediensteten aus dem Weg gegangen werden.

Was passiert mit den geretteten Lebensmitteln?

Vom Überschuss der Reichen lebten Armutsbetroffene schon immer. Doch spätestens seit den 1980er Jahren hat sich das Containern vor allem in Teilen der linken Subkultur institutionalisiert. Containertes Essen wurde gemeinsam verkocht und gegen Spende weiterverteilt. In den USA und Großbritannien als "Food not Bombs" bekannt geworden, waren es im deutschsprachigen Raum eher die "Volxküchen" oder "KüfAs" (Küche für Alle), die containerte Lebensmittel verarbeiteten.

Plattformen wie foodsharing.at gelingt es zunehmend, das Containern zu regulieren, manche würden sagen, die juristisch umstrittene Praxis zu "zähmen". Durch Absprachen mit Supermärkten und ehrenamtlichen Abholdiensten werden die rechtlichen Problematiken beim Containern umgangen. Die Freiwilligen des Foodsharing-Netzwerks verteilen die eingesammelten Lebensmitteln über sogenannte Fairteiler. Das sind Regale in Kultureinrichtungen sowie Kühlschränke an verschiedenen frei zugänglichen Orten. Dort kann die gerettete Ware dann von allen gratis entnommen werden.

Die Initiative Foodsharing listet die Voraussetzungen für die Abgabe geretteter Lebensmittel online auf, wie etwa die geschlossene Kühlkette bei Kühlware und die Kontrolle jedes einzelnen Stücks Obst oder Gemüse. Angegeben wird auch, welche Lebensmittel nicht erwünscht sind, weil sie zu empfindlich sind - darunter Rohfleisch, Rohmilch und Eier.

Containern in der Popkultur

Die "wilde" Form des nächtlichen Containerns dient immer wieder als popkultureller Bezugspunkt von Musikern und Musikerinnen unterschiedlichster Genres. Der neuseeländische Singer-Songwriter Anthonie Tonnon singt darüber ebenso wie das amerikanische Musikprojekt 72bpm. Die britischen Punk-Band The Migraines widmete dem Thema sogar ein ganzes Lied. In "Dumpster Dive Heaven" heißt es: "Wir schleichen uns von hinten an, irgendwann nach 19 Uhr. Für mein Essen zahle ich nichts, im Himmel des Dumpster Diving!".

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