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Christoph Wiederkehr - Vom Schulsprecher zum Schulminister

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Christoph Wiederkehr soll Bildungsminister werden
©APA/APA/MAX SLOVENCIK/MAX SLOVENCIK
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"Wie gelingt es, dass Kinder wieder gerne zur Schule gehen?" - Antworten auf diese Frage, die am Cover seines neuen Buches prangt, kann Christoph Wiederkehr nun von höchster Stelle versuchen zu finden. Der Wiener Vizebürgermeister wird, sofern die NEOS-Gremien zustimmen, Bildungsminister. Für Schulen und Kindergärten war er bereits in Wien zuständig. Auch Integration und Jugend gehörten zum Ressort, was dem 34-Jährigen eine hohe mediale Präsenz bescherte.

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Inzwischen muss er sich daher definitiv nicht mehr mit dem Problem herumschlagen, dass er kaum bekannt ist: Noch nach seinem Wechsel an die Wiener Parteispitze 2018 wurde er mit dem Slogan "Kennt keiner. Kann viel" plakatiert. Damals stand er noch im Schatten seiner Vorgängerin Beate Meinl-Reisinger, die in den Bund gewechselt war.

Das lag wohl nicht zuletzt an seinem Auftreten, das eher an einen umtriebigen Schulsprecher - der er einst war - als einen polternden Oppositionspolitiker erinnert. Er betont gern, dass er konstruktive Politik machen möchte. Und weil Reden zumindest die halbe Miete des politischen Geschäfts ist, dürfte dem Wiener NEOS-Chef seine einstige Leitungstätigkeit in einem Debattierklub karrieretechnisch nicht unbedingt geschadet haben.

Wiederkehr, geboren am 12. April 1990 in Salzburg, hat schon recht früh bei den Liberalen seine politische Heimat gefunden. Dabei spielt auch seine Familiengeschichte eine nicht unwesentliche Rolle. Sein aus Ungarn gebürtiger Vater flüchtete in jungen Jahren vor dem kommunistischen Regime nach Österreich. Seine Mutter stammt aus Frankreich.

Nach der Matura 2009 zog es ihn zum Studium der Rechtswissenschaften sowie der Politikwissenschaften nach Wien, wo er sich bald für die studentische NEOS-Vorfeldorganisation JUNOS engagierte und deren Team drei Jahre lang leitete. Daneben war er Mitarbeiter am Verfassungsgerichtshof. 2015 gelang ihm als 25-Jähriger dann der Einzug in den Gemeinderat.

Nach der Übernahme des Parteivorsitzes folgte schließlich 2020 ein noch größerer Karrieresprung. Die NEOS wurden von der SPÖ unter Bürgermeister Michael Ludwig als Koalitionspartner auserkoren. Präsentiert wurde der Pakt mit einem großen Punschkrapfen. Der frischgebackene Vizebürgermeister und Stadtrat Wiederkehr freute sich über ein "historisches Bündnis", das es in Österreich so noch nie gegeben habe. Wobei er anmerkte, dass er mit dem Koalitionspartner SPÖ wohl nicht immer einer Meinung sein werde.

Tatsächlich zogen die beiden Parteien aber meist an einem Strang, nur selten ließ man wissen, dass man unterschiedlicher Ansicht sei. Der Beginn der Legislaturperiode stand dabei ohnehin noch im Zeichen der Corona-Pandemie. Andere Schwerpunkte gesellten sich aber sehr bald hinzu. So mussten die Wiener Schulen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine die Aufnahme von zahlreichen geflohenen Kindern organisieren. Später sorgte der Familiennachzug - meist von Menschen, die aus Syrien nach Österreich gekommen waren - für eine weitere Verschärfung im ohnehin überforderten Wiener Schulsystem. Wiederkehr versuchte mit Mobilklassen und intensiverer Sprachförderung gegenzusteuern. In den Wiener Volksschulen ist der Anteil der Taferlklassler, die nicht ausreichend Deutsch können, um dem Unterricht folgen zu können, so hoch wie nie.

Wiederkehr sorgte wiederum mit der einen oder anderen Forderung für Aufsehen und Diskussionen, etwa als er Strafen für uneinsichtige Eltern oder eine Residenzpflicht für asylberechtigte Personen ohne Job forderte. Betroffene hätten dabei einen gewissen Zeitraum in jenen Bundesländern bleiben müssen, in denen sie während des Verfahrens aufhältig waren. Das sollte den Zustrom nach Wien reduzieren.

Auch die Kindergärten bescherten mitunter Stress. Als mutmaßliches Fehlverhalten von Pädagogen ruchbar wurde, zeigte sich Wiederkehr mit dem Krisenmanagement der zuständigen Abteilung (MA 10) unzufrieden. Kurzerhand besetzte er die Leitung dort neu. Eine "Aktion scharf" gegen Fördermissbrauch in privaten Kindergärten brachte er auf Schiene.

Für eine Abteilung, über die er sich in der Opposition noch regelmäßig mokiert hatte, war er nach dem Regierungseintritt selbst verantwortlich: Die für Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuständige MA 35, die nicht zuletzt wegen überlangen Wartezeiten in die Schlagzeilen geraten war. Er versuchte, die Situation mit Reformen und mehr Personal zu verbessern, was ihm laut eigenen Angaben auch gelungen ist - seine Kritiker sehen das freilich anders.

Verheiratet ist Wiederkehr mit einer US-Amerikanerin, die ihn auch kürzlich zur Mitgliederversammlung der Wiener NEOS begleiten durfte. Dort wurde Wiederkehr erwartungsgemäß zum Spitzenkandidaten für die Ende April stammende Wien-Wahl gekürt. Nun dürfte er der Kommunalpolitik schon vorher den Rücken kehren. Es ist davon auszugehen, dass die pinken Gremien ihn Donnerstagabend als Bildungsminister nominieren werden. Am Sonntag muss die pinke Regierungsbeteiligung dann noch von der Mitgliederversammlung abgesegnet werden.

Zur Person: Christoph Wiederkehr, geboren am 12. April 1990 in Salzburg, Matura ebenda. Abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaft. 2013 bis 2015 Vorsitzender der Jungen liberalen Studierenden, ab 2015 Abgeordneter zum Wiener Gemeinderat und Landtag, ab 2018 dort NEOS-Klubvorsitzender und NEOS-Landessprecher. Seit 2020 Wiener Vizebürgermeister sowie Bildungs- und Integrationsstadtrat.

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