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Er habe sich mit Halla-aho "über die finnischen Perspektiven in der entscheidenden Frage der europäischen Sicherheit" ausgetauscht, ließ Van der Bellen via Social Media wissen. Halla-aho kommt aus den Reihen der rechtspopulistischen "Wahren Finnen" oder "Basisfinnen" (Perussuomalaiset/PS), er ist besonders für seine rigide Antieinwanderungshaltung bekannt. 2012 wurde er vom Obersten Gerichtshof aufgrund von islamfeindlichen Aussagen in einem Blogbeitrag wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Hall-aho unterstützte allerdings den NATO-Beitritt Finnlands und ist auch mit dem Abwehrkampf der Ukraine gegen die russische Invasion solidarisch. Am Donnerstag hatte Van der Bellen mit seinem Amtskollegen Alexander Stubb angesichts einer "Welt im Umbruch" ein "Zusammenrücken der Länder Europas" gefordert.
Mit der Leiterin des Hybrid CoE, Teija Tiilikainen, tauschte sich Van der Bellen über die Gefahren hybrider Bedrohungen aus. Das Hybrid CoE soll die EU-und NATO-Staaten dabei unterstützen, hybride (Cyber-)Attacken abzuwehren. Derartige Aktivitäten staatlicher und nicht-staatlicher Gruppen stellen eine ernste und akute Gefahr dar, heißt es dazu auf der Homepages des Wiener Außenamtes (BMEIA).
Hybride Bedrohungen charakterisieren sich demnach "durch den koordinierten Einsatz verschiedener Methoden der illegitimen Einflussnahme (diplomatische, militärische, wirtschaftliche oder technologische) vonseiten staatlicher und nicht-staatlicher Akteure, ohne dass die Schwelle zur formellen Kriegsführung erreicht wird".
Beispiele hierfür seien Cyberattacken auf kritische Infrastruktur, die Behinderung demokratischer Entscheidungsprozesse durch massive Desinformationskampagnen oder die Nutzung sozialer und anderer Medien zur Beeinflussung des politischen Narrativs beziehungsweise zur Radikalisierung.
"Es gelte, diesbezüglich resilienter zu werden", erklärte Tiilikainen im Gespräch mit dem Bundespräsidenten. Die Bedrohung sei eine flexible Kombination von konventionellen und neuartigen Bedrohungen. Diese reichen von der Zerstörung von Unterseekabeln oder Gasleitungen bis zum Versuch, über Social Media Desinformation zu verbreiten. Auch Künstliche Intelligenz (KI) werde in diesem Feld immer bedeutender. Ziel sei es, die Verwundbarkeit demokratischer Gesellschaft zu reduzieren, erklärte auch Kommunikationschef Markus Kokko gegenüber österreichischen Medien. Als aktuelle Akteure nannte er vor allem Russland, China und den Iran.
Sowohl auf Ebene der einzelnen EU-Mitgliedstaaten als auch auf EU-Ebene richten sich die Anstrengungen derzeit darauf, besonders sensible und anfällige Bereiche zu identifizieren, eine bessere Koordinierung sicherzustellen, Resilienz aufzubauen und Kapazitäten zu stärken. Dies geschieht laut BMEIA in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie den Vereinten Nationen und der NATO. "Kernpunkte sind die Verbesserung des Informationsaustauschs, verstärkter Schutz kritischer Infrastrukturen und der Ausbau der Cybersicherheit sowie der Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen hybride Bedrohungen."
Das Hybrid CoE-Institut sei nicht nur ein "Think Tank", sondern auch ein "Do-Tank", hieß es während des Besuchs. Es würden unter anderem auch Workshops für Vertreter der 36 Teilnehmerländern aus der EU, darunter Österreich, und der NATO angeboten. In dem Zentrum sind aktuell 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert, das Budget für 2025 beträgt 5,12 Millionen Euro.
Vor der Rückreise Van der Bellens nach Wien ist am Freitagnachmittag in Helsinki eine Führung durch die Bunkeranlage Merihaka geplant. Im friedlichen Alltag wird diese als Sportzentrum genutzt. Merihaka ist ein Viertel im nordöstlich des Zentrums gelegenen Stadtteils Sörnäinen. Merihaka wurde in den 1970er-Jahren errichtet. Früher standen hier Hafen- und Industriegelände. Sie wurden durch Plattenbauten im brutalistischen Stil ersetzt.
Läuft alles ganz normal, wird den rund 2.500 Einwohnern ein unterirdisches Sport- und Freizeitzentrum und ein Kinderspielplatz angeboten. Im Ernstfall ist aber Schluss mit lustig: Dann fungiert die Anlage als Bunker für jene Menschen, die selbst keinen Luftschutzkeller im Haus haben. Auch Touristen und Pendler sollen dann im Merihaka-Bunker Zuflucht finden.
Platz gibt es für 6.000 Menschen. Erreichbar ist der Bunker über eine breite Stahltreppe. Die Sportfelder und das Fitnessstudio werden im Notfall geräumt und die Hallen mit Betten bestückt. Der Bunker kann mit zwei Stahltüren verriegelt werden. Eine hält Druckwellen einer möglichen Explosion ab, die andere schließt ihn luftdicht ab. Im Fall des Falles sollen achtstündige Schlafschichten absolviert werden, in denen die Betten abwechselnd genutzt werden.
Nach Angaben des finnischen Innenministeriums besitzt das skandinavische Land mehr als 50.000 Schutzräume mit Platz für rund 4,8 Millionen Menschen, also gut 85 Prozent der Bevölkerung.
Die Bunker sind wichtige Bestandteile des finnischen Zivilschutzes. Dieser wurde schon nach den Erfahrungen des finnisch-sowjetischen Kriegs (1939/40) sukzessive als bedeutender Bestandteil in die Sicherheitspolitik integriert. Öffentlich zugängliche Gebäude - etwa Einkaufszentren, Hotels und Schulen - aber auch private Gebäude mit einer Fläche von über 1.200 Quadratmetern müssen Medienberichten zufolge über Schutzbunker verfügen.
Allein Helsinki bietet demnach seinen 650.000 Einwohnern und allfälligen Besuchern bis zu 900.000 Schutzplätze. 180.000 davon sind in rund 60 großen öffentlichen Bunkeranlagen untergebracht. Alarme erfolgen via App oder ertönen über Sirenen, die jeden ersten Montag im Monat einem Test unterzogen werden. Innerhalb weniger Stunden muss jede Anlage geräumt und in Bereitschaft gestellt werden können.