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Bye bye, USA: Kann sich Europa selbst gegen Putin verteidigen?

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Sollte sich die USA aus Europa zurückziehen, müsste der Kontinent seine Verteidigungsfähigkeit massiv ausbauen. Doch ist Europa dazu überhaupt in der Lage? Welche Truppen und Waffen benötigt die EU, um sich gegen eine mögliche russische Bedrohung zu wappnen? Und was würde das Ganze überhaupt kosten?Eine Analyse der aktuellen Sicherheitslage und der militärischen Herausforderungen.

Die Sicherheitslage in Europa ist so angespannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Während die USA ihre strategische Aufmerksamkeit zunehmend auf den Pazifik richten, wächst die Gefahr, dass Europa im Ernstfall auf sich allein gestellt ist. Ein Szenario, das vor allem vor dem Hintergrund der anhaltenden russischen Aufrüstung und der blutigen Erfahrung in der Ukraine alarmierend ist.

Das Forschungsinstituts Bruegel und das Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) haben sich der Frage gewidmet, ob Europa militärisch überhaupt in der Lage wäre, sich ohne die USA gegen Russland zu verteidigen. Denn eines hat die amerikanische Delegation auf der Münchner Sicherheitskonferenz klar gemacht: Europa muss sich künftig selbst um seine Sicherheit kümmern.

Russlands wachsende Bedrohung

Russlands Armee hat seit dem Überfall auf die Ukraine enorme Fortschritte gemacht. Dank einer vollständigen Mobilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft stehen heute mehr Soldaten unter Waffen als noch 2022. Die Rüstungsindustrie produziert auf Hochtouren: Allein 2024 wurden rund 1.550 Panzer, 5.700 gepanzerte Fahrzeuge und 450 Artilleriesysteme neu gebaut oder modernisiert. Gleichzeitig setzt Moskau verstärkt auf Drohnen, deren Zahl sich im Vergleich zu 2022 vervielfacht hat.

Schätzungen von NATO-Experten und Regierungen in Berlin, Warschau und den baltischen Staaten gehen davon aus, dass Russland innerhalb der nächsten drei bis zehn Jahre wieder für eine großangelegte Invasion bereit sein könnte. Ein Angriff auf ein EU-Land ist zwar nicht unmittelbar wahrscheinlich, doch Moskaus militärische Expansion lässt wenig Raum für Entwarnung.

Europas unzureichende Kapazitäten

Sollten sich – wie von der Trump-Administration angedroht – die USA aus Europa zurückziehen, müsste der Kontinent seine Verteidigungsfähigkeit rasch und massiv ausbauen. Aktuell sind 100.000 US-Soldaten in Europa stationiert, und für den Ernstfall sieht die NATO-Planung Verstärkungen von bis zu 200.000 weiteren US-Truppen vor. Diese Lücke müsste Europa schließen – und das bedeutet eine gewaltige Herausforderung. Militärstrategen gehen davon aus, dass rund 300.000 zusätzliche Soldaten benötigt würden, um eine glaubhafte Abschreckung gegen Russland zu gewährleisten.

Doch nicht nur die Truppenstärke ist problematisch. Europas Streitkräfte sind zersplittert und unkoordiniert. Während die US-Armee als geschlossene Einheit operiert, setzen sich die europäischen Verteidigungskapazitäten aus 29 nationalen Armeen zusammen, die oft unterschiedliche Ausrüstung und Befehlsketten haben. Ohne eine engere Zusammenarbeit und eine zentrale Koordination würde Europa deutlich mehr Soldaten brauchen, um die gleiche Kampfkraft wie die USA zu erreichen.

Es wird nicht billig

Neben mehr Personal braucht Europa auch eine massive Aufrüstung. Die Expert:innen der beiden Forschungsinstitute schätzen, dass für eine effektive Verteidigung zusätzlich 1.400 Panzer, 2.000 Schützenpanzer und 700 moderne Artilleriesysteme angeschafft werden müssten – mehr als die derzeitigen Bestände der französischen, deutschen, italienischen und britischen Landstreitkräfte zusammen. Besonders gefragt sind auch Drohnen und Raketenabwehrsysteme, um Russlands zunehmende Drohnenangriffe abwehren zu können.

Eine glaubhafte europäische Verteidigung ohne die USA wäre nicht billig. Derzeit geben die EU-Staaten durchschnittlich zwei Prozent ihres BIP für Verteidigung aus. Um Russland wirksam abschrecken zu können, müssten die Ausgaben auf mindestens 3,5 Prozent steigen – das entspricht zusätzlichen 250 Milliarden Euro pro Jahr. Eine gemeinsame EU-Finanzierung oder Schuldenaufnahme könnte diesen Kraftakt erleichtern. Auch Deutschland müsste eine Führungsrolle übernehmen und sein Militärbudget von derzeit 80 auf 140 Milliarden Euro jährlich erhöhen.

Die Stunde der Wahrheit könnte bald schlagen

Ob und wann Europa ohne die USA bestehen muss, ist ungewiss – doch sich darauf vorzubereiten, ist unerlässlich. Ohne massive Investitionen in Truppen, Waffen und Koordination könnte der Kontinent im Ernstfall schutzlos sein. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Europa bereit ist, Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen – oder ob es weiterhin auf die transatlantische Schutzmacht hofft.

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