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Antisemitismus wird zum „jugendlichen“ Problem

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Aktualisiert
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8 min

©Bild: IMAGO/SEPA.Media

Eine aktuelle IFES-Studie zeigt: Vor allem junge Menschen äußern sich zunehmend antisemitisch – nach der Terrorattacke der Hamas im Oktober 2023, besonders in Bezug auf Israel. Experten sehen dringenden Handlungsbedarf, um gegenzusteuern.

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Antisemitismus wird zunehmend zu einem „jugendlichen“ Problem. Das geht aus jener Studie 2024 hervor, die das Institut für empirische Sozialforschung IFES erneut im Auftrag des Parlaments erstellt hat. Demnach zeigten sich vor allem junge Menschen – vor allem israelbezogen – stärker antisemitisch als die ältere Generation. Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ) sieht im Gespräch mit der APA auch die Regierung gefordert.

Teils sogar leichte Rückgänge

Für die seit 2018 im Zwei-Jahres-Rhythmus erstellte Studie wurden im Oktober und November des vergangenen Jahres insgesamt 2.037 Personen ab 16 Jahren in ganz Österreich mittels Telefon- und Online-Interviews befragt. Eine Zusatzstichprobe von insgesamt 1.080 Personen umfasste 577 Personen mit Migrationsgeschichte aus der Türkei und 503 Personen mit Migrationsgeschichte aus einem arabischsprachigen Land.

Die Studie zeigt auch eine Stagnation und teils sogar leichte Rückgänge bei manchen antisemitischen Einstellungen: So vertraten 13 Prozent der Befragten weiterhin manifeste antisemitische Einstellungen, 2022 lag der Wert bei 15 Prozent. Ebenfalls auf gleichem Niveau blieb der latente Antisemitismus mit 33 Prozent (2022: 32 Prozent). Verschwörungsgläubige, Personen, die wenig über das Judentum wissen und antiamerikanisch eingestellt sind, zeigten sich eher antisemitisch.

„Verharmlosung des Nationalsozialismus“

Allerdings fielen jüngere Menschen durch stärker ausgeprägte antisemitische Einstellungen auf, wobei eine höhere formale Bildung eher vor traditionellem Antisemitismus schützt. Nicht nur bei israelbezogenem Antisemitismus – insbesondere nach der Terrorattacke der Hamas am 7. Oktober 2023 –, auch bei anderen Aussagen stimmten junge Menschen häufiger zu als ältere. So waren etwa 15 Prozent der Unter-25-Jährigen der Meinung, dass in Berichten über Konzentrationslager vieles übertrieben dargestellt werde.

Der Aussage „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ stimmten 31 Prozent der Befragten ganz oder eher zu, was einer Zunahme von acht Prozentpunkten entspricht. Auch die Aussage „Die Israelis behandeln die Palästinenser im Grunde auch nicht anders als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Juden“ erhielt mit 35 Prozent mehr Zustimmung (2022: 30 Prozent). Für Projektkoordinator Thomas Stern sind solche Aussagen „durchaus eine Verharmlosung des Nationalsozialismus“.

Arabisch- und Türkischstämmige weit antisemitischer

Weit stärker ausgeprägt war Antisemitismus wie schon zwei Jahre zuvor bei der Gruppe mit Wurzeln in der Türkei oder einem arabischsprachigen Land. Und auch Personen mit stark patriarchalischem Denken gab es weit mehr negative Vorurteile. Aber auch unter Personen mit Hochschulabschluss steigt der Antisemitismus. Eine Ursache – vor allem bei Jüngeren – sieht Eva Zeglovits von IFES im Medienkonsum. So konsumierten Jugendliche kaum mehr traditionelle Medien, sondern informierten sich hauptsächlich über Soziale Netzwerke, die etwa Verschwörungsmythen oft verstärkten.

Die alarmierenden Ergebnisse bei Jugendlichen stellen für Stern vor allem einen Auftrag an das Bildungssystem dar. „Holocaust-Education muss man völlig neu denken“, findet er. Österreich habe mittlerweile zwar beim Unterricht viel getan, „ich glaube aber, es reicht nicht mehr“. Es sei Aufgabe der Politik zu schauen, dass der Holocaust und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart in das Curriculum der Lehre aufgenommen werden, denn: „Antisemitismus lebt weiter.“

Rosenkranz offen gegenüber Holocaust-Zentrum

Auch Nationalratspräsident Rosenkranz ortet bei der Schulbildung über den Holocaust „schon das eine oder andere, was man verbessern kann“ und das nicht nur im Bildungsressort. Aufgeschlossen zeigt er sich auch hinsichtlich eines von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) gewünschten Holocaust-Zentrums, das laut Regierungsprogramm zumindest eine Machbarkeitsstudie erhalten soll.

Auch für Stern ist es diesbezüglich „sehr wichtig, eine verortete Möglichkeit zu haben, gerade in Wien“. Grundsätzlich zeigte sich Rosenkranz darüber erfreut, dass die Antisemitismus-Studie des Parlaments weiter erstellt wird. „Tatsache ist, dass Antisemitismus nach wie vor eine anhaltende Gefahr ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft und unsere staatlichen Grundwerte“, warnte der Freiheitliche.

Bundesregierung besorgt über Ergebnisse

Staatssekretär im Bundeskanzleramt Alexander Pröll (ÖVP) sieht in den Ergebnissen der Studie einen Weckruf, besonders der Anstieg antisemitischer Vorurteile gegenüber Israel sei besorgniserregend. Dementsprechend sei eine Adaptierung der nationalen Strategie gegen Antisemitismus notwendig. Die Weiterentwicklung der Strategie findet sich auch im Regierungsprogramm. Durch Bildung und eine klare politische Haltung solle konsequent gegen Antisemitismus in jeder Form vorgegangen werden.

Auch für Integrationsministerin Claudia Plakolm (ÖVP) widerspricht Antisemitismus den Werten des Zusammenlebens. Die Zahlen würden weiter zeigen, dass ein zunehmendes Problem mit muslimischem Antisemitismus bestehe, dessen Import solle daher ein Ende gesetzt werden. Die Bundesregierung würde mit der Erarbeitung der Antisemitismus-Strategie bereits zusätzliche, konkrete Maßnahmen setzen, so Plakolm.

Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) betonte, dass Antisemitismus aus allen politischen Richtungen kommen würde. Dieser würde von Polizei und Staatsschutz, neben der präventiven Arbeit an Schulen und in Vereinen, mit allen rechtlich zulässigen Mitteln bekämpft werden. Das Eintreten gegen Antisemitismus sei eine historische Verantwortung, auch weil er nicht nur eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden, sondern für die gesamte Gesellschaft darstellen würde.

Staatssekretär im Innenministerium Jörg Leichtfried (SPÖ) sieht einen Zusammenhang zwischen Entwicklungen außerhalb Europas und der Radikalisierung in Österreich. Weiters müsse sowohl patriarchalen und autoritären Weltbildern als auch Verschwörungstheorien und Antisemitismus gesamtgesellschaftlich begegnet werden. Die digitale Welt biete einen fruchtbaren Boden für die Verbreitung von Falschinformationen, diese müssten konsequent bekämpft werden.

Auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr von den NEOS sieht Antisemitismus nach wie vor als Gefahr für die Gesellschaft, der es mit hochwertiger Bildungsarbeit zu begegnen gelte. Diese Arbeit würde daher zahlreiche Initiativen beinhalten, die unter anderem Schülerinnen und Schüler in ihrer demokratischen Haltung gegenüber Antisemitismus stärken sollen. Weiter würden im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts Handlungsempfehlungen für Schulen zum Umgang mit Antisemitismus entwickelt werden. Auch in der neuen gesamtstaatlichen Strategie zum Kampf gegen Antisemitismus werde die Prävention durch Bildung eine zentrale Rolle einnehmen, so Wiederkehr.

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