Einmal noch überschreitet der Ressort-Autist seine Fachgrenzen, diesmal in seiner Eigenschaft als Familienvater und Hirnbesitzer: Das irrsinnige Kriegstrommeln eines neutralen Staates hat unterbunden zu werden
Da wollte ich (der Ressort-Autist) Ihnen eine Schnurre von der Leipziger Buchmesse erzählen. Wie ich an einem Fenster des Pressezentrums stand und glücksbeschwipst auf drei endlose, jeweils bis an den Horizont reichende Besucherschlangen niederblickte. So viele junge Leute, kleine, mittlere, große, ganze Gruppen! Und wir jammern um die Zukunft des Buchs! Bis ich draufkam, dass viele kostümiert waren und fast alle zur Manga-Messe wollten, die von den schlauen Sachsen gleichzeitig ausgerichtet wird.
Aber dann fiel mir ein, dass der Ressort-Autist nur Zweitbesetzung hinter dem Familienvater ist. Und dass die Sorgen um die jetzt vom Kunstvizekanzler besachwaltete Kultur der pure Luxus sind, verglichen mit der hellen Angst, die mir die Außenpolitik der NEOS-Vorsitzenden Meinl-Reisinger verursacht.
Als nach der Wahl die Drohung des rosaroten Außenamts Umrisse annahm, wollte ich es nicht glauben: In der gegebenen Situation die Weltpolitik an die einzige Partei delegieren, die explizit an der Neutralität zupft und der NATO schlüpfrige Angebote unterbreitet? Früher nannte man das Gott versuchen.
Mittlerweile wird mit dem Vorschlaghammer gezupft, und die Avancen konkretisieren sich ins Unkeusche. Offenbar hängen ÖVP und SPÖ der übermotivierten Politikerin einer Kleinpartei um, was sie bei ihren eigenen Wählern niemals durchbrächten. Denn Meinl-Reisingers Karrieremodell orientiert sich erkennbar an dem ihrer deutschen Amtsschwester i. R. Baerbock, die sich ab der ersten Kriegsminute den Tornister umgeschnallt und den besonnenen Kanzler Scholz unter stets wachsenden Druck gesetzt hat: Verhandeln komme nicht infrage, verkündete die kriegstouristische Interkontinentalrakete auf ihren Weltumrundungen. Die Folgen sind geläufig: Frau Baerbock hat ihre Splitterpartei ruiniert, bekleidet aber selbst Spitzenposition bei der UNO und hat dafür eine hochqualifizierte Konkurrentin düpiert.
In den Händen der Irren
Nun kann ich als Laie so wenig wie die Fachleute ausschließen, dass Verhandeln nichts gebracht hätte. Aber was sich in drei Jahren des Nichtverhandelns verändert hat, steht fest: Das Schicksal der Welt liegt jetzt nicht mehr in den Händen eines Irren, sondern in den Händen zweier Irrer.
Täglich setzt uns jetzt ein anderer als Bismarck bzw. Radetzky verkleideter Hauptfeldwebel davon in Kenntnis, dass der Dritte Weltkrieg unvermeidbar, im Anrollen oder gar schon Realität sei. Deshalb müsse man aufrüsten, am besten atomar, wie das Erfolgsmodell Macron zu verstehen gibt. Dann, so geben die gebeutelten Deutschen auch über die Schreckensgestalt von der Leyen zu verstehen, werde auch die Wirtschaft anspringen. Dieses Konjunkturmodell hat sich allerdings schon vor 90 Jahren nicht bewährt.
Und nun Österreich! Wir sollen aufrüsten und damit Generationen ins Unermessliche verschulden. Die nächste soll gleich einmal zwei Monate länger zum Kriegsdienst, tunlichst auch die Frauen. Solch eine Perversion des Emanzipationsgedankens konnte sich selbst der Apokalyptiker Karl Kraus nur in der Nebenrolle der entmenschten Kriegsberichterstatterin Schalek vorstellen.
Wahlbeeinflussung für die FPÖ? Dazu braucht es keine Russen. Das erledigen die anderen Parteien
„Grüne Männchen“
Die Szenarien der Kriegsanalytiker nehmen sich prinzipiell so aus: Spätestens 203o sei „eine Mischung aus hybriden Aktivitäten und sehr begrenzten militärischen Aktivitäten mit grünen Männchen“ zu erwarten, lässt ein Militärexperte im Ton der Menschenverachtung wissen. Putin werde dann die Solidarität innerhalb der NATO testen, konkret im Baltikum und hier wiederum „in der Stadt Narwa in Estland“.
Das mag nun Hauptfeldwebellatein oder, Gott bewahre, eine ernst zu nehmende Gefahr sein. Aber die Konsequenzen für einen neutralen Staat sind eindeutig: sich an der gesamteuropäischen Sicherheitsvorkehrung Sky Shield, eventuell auch an den bewährten Friedenstruppen beteiligen, aber die NATO meiden wie eine Seuchenstation. Und um keinen Preis, wie die österreichische Außenministerin, mit dem Verteidigungsministerium konkurrieren, indem man sich den Generalmajor Starlinger als beratenden Oberbefehlshaberer ins Ressort holt. Auch halte ich es für provokant, als erste Amtshandlung zum Fototermin bei Selenskyj einzurücken und dem hart Geprüften damit wertvolle Minuten zu stehlen. Nehammer ist seinerzeit den Verpflichtungen eines neutralen Staats gerecht geworden, als er sich beiden Parteien als Vermittler angeboten hat.
Neutralität bleibt Chance
Was immer es nun mit der Neutralität völkerrechtlich auf sich hat, sie hat sich bewährt und ist eine Chance, davonzukommen. Aber nicht, wenn nahezu täglich ein anderer von Gott verlassener Experte die Welt – auf der leider auch Putin logiert – im Ton der Einladung wissen lässt, dass die Neutralität gar nicht existiert.
Wenn wir uns also einig sind, dass unsere grünen Männchen und Weibchen in der estnischen Stadt Narwa nichts verloren haben – was ist dann eigentlich die hybride Kriegführung, vor der wir uns ängstigen müssen? Spionage? Kennen wir seit dem „Dritten Mann“. Mordkomplotte gegen die Chefs von Rüstungskonzernen? Ich traue ihnen zu, sich schützen zu können. Cyber-Attacken? Sind bald so oder so Routine und entsprechend zu bekämpfen. Wahlbeeinflussung zugunsten der FPÖ? Dazu braucht es keine Russen, das Geschäft betreiben lang und erfolgreich die demokratieaffineren Parteien.
Die sollten sich insgesamt vorsehen, nicht wieder eine Überlebensmaterie (wie zuletzt die Migration) der FPÖ zum Missbrauch auszuliefern. Von unseren grünen Männchen sollen sie jedenfalls die Finger lassen, noch besser: die Wehrpflicht nicht verlängern, sondern abschaffen und ein Berufsheer etablieren. Sonst prognostiziere ich Unruhen, auf die ich gern verzichte würde.
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