Vor 400 Jahren starb die wichtigste Malerin der Renaissance.
Anguissola wurde 1532 als Tochter eines verarmten, doch gebildeten Adeligen in Cremona, Nord-Italien, geboren. Ihre Eltern erkannten sehr bald ihr künstlerisches Talent und boten ihr eine Ausbildung, wie sie sonst nur Söhnen gewährt wurde. Mit 22 Jahren zog sie mit ihrem Vater nach Rom, wo er versuchte, sie als Por-trätmalerin über anerkannte Künstler und Adelsfamilien zu vermarkten. Es gelang ihm, einen Kontakt zu Michelangelo herzustellen. Anguissola brachte eine Zeichnung, einen fröhlich lachenden Knaben.
Weinender Knabe
Michelangelo gefiel sie, doch zufrieden war er nicht, und er meinte, es sei einfach, die Freude zu zeichnen, ein weinender Knabe jedoch weitaus schwieriger. Anguissola schuf das berühmte Bild „Ein Knabe, von einem Krebs gebissen“, heute im Besitz des Museo di Capodimonte in Neapel. Caravaggio übernahm die Idee mit seinem Werk „Junge, von einer Eidechse gebissen“.
Für die nächsten zwei Jahre nahm Michelangelo sie als Schülerin auf. Ihr Vater dankte ihm für die „… ehrenwerte und sorgsame Zuneigung, die ihr meiner Tochter Sofonisba habt zuteil werden lassen, die ihr in die Praxis der Kunst der Malerei eingeführt habt.“
Doch ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Ein Studium der Anatomie als Frau undenkbar, ebenso die Arbeit auf großformatigen Leinwänden. Aus dieser Not entwickelte sie eine kunstvoll realistische Technik der Porträtmalerei, erreichte bei den Fürstenhäusern eine für eine Frau in damaligen Zeiten außergewöhnliche Berühmtheit und bekam Aufträge aus ganz Italien.
1558, mit nur 26 Jahren, lud sie der König von Spanien, Phillip II., als Hofdame und Hofmalerin für die Königin Elisabeth von Valois nach Madrid ein. Die zahlreichen Porträts und Eigenporträts, die während dieser Zeit entstanden, finden sich heute verstreut in allen wichtigen Museen der Welt. Nach dem Tod der Königin verheiratete der König die 40-jährige kinderlose Künstlerin mit dem sizilianischen Edelmann Fabrizio Pignatelli und garantierte ihr eine Lebensrente. Pignatelli starb 1579.
Drei Schwestern
Zwei Jahre später, auf einer Schiffsfahrt nach Cremona, verliebte sie sich in den Kapitän. Sie heirateten 1584, lebten in Genua, wo Anguissola von Vertretern des Adels begeistert empfangen und mit Aufträgen für Porträts überhäuft wurde. Als ihre Sehkraft nachließ, zog sie sich nach Sizilien zurück, wo sie 1625 mit 93 Jahren starb.
Bis zuletzt besuchten sie berühmte Künstler wie der flämische Maler Anton van Dyck, der das letzte Porträt der 92-Jährigen anfertigte, und Peter Paul Rubens, der einige ihrer Bilder kopierte. Bewundert und verehrt öffnete sie die Welt der Malerei für viele Künstlerinnen, unter ihnen Lavinia Fontana und Artemisia Gentileschi.
Mit dem Bild „Drei Schwestern beim Schachspiel“ von 1555, schrieb Anguissola Kunstgeschichte mit der ersten Darstellung einer Alltagsszene in der italienischen Malerei. Drei Mädchen spielen Schach, und die Darstellung ihrer Natürlichkeit waren neue Elemente der manieristischen Malerei. Ihr Selbstporträt von 1554 hängt im Kunsthistorischen Museum in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr.10/2025 erschienen.