Genau vier Wochen nach dem Valentinstag werden die noch jungen Brauchtumstage „White Day“, „Steak and Blowjob Day“ und „Schniblo-Tag“ gefeiert. Im Sinne der Gleichberechtigung sollen sie als Ergänzung zum 14. Februar auch dem anderen Geschlecht einen Verwöhntag ermöglichen. Fortschrittlich? Oder doch eher konservativ?
Der 14. März: Weiße Schokolade, als traditionelle Liebessymbole am White Day in Japan. In Europa und Amerika wurden die Embleme etwas poesieloser gewählt. Hier sind es Fleisch und Fellatio, denen der Steak and Blowjob Day – zu Deutsch „Schnitzel-und-Blowjob-Tag“ (kurz: Schniblo-Tag) seinen derben Namen verdankt. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichten der Valentinstagspendants zeigt: Mit Liebesbekundungen und der intendierten Gleichberechtigung haben sie nur bedingt viel zu tun.
White Day: Tag der Antwort
Am japanischen White Day steht die Frau im Zentrum, nachdem ein Monat zuvor der Mann beschenkt wurde – allerdings nicht auf die in Europa übliche Art. Traditionellerweise übergeben Frauen Schokolade an all jene Männer, mit denen sie bedeutende Beziehungen pflegen – also sowohl an Partner als auch an Kollegen und Freunde. Hierbei gilt: Schokolade ist nicht gleich Schokolade. Unterschiedliche Beziehungen bedürfen unterschiedlicher Naschereien. Die „Schokolade für den Liebling“ (hon-mei-choco) ist besonders teuer und qualitativ hochwertig. Freunde werden mit „Freundesschokolade“ (tomo-choco) verwöhnt. Kollegen erhalten lediglich „Pflichtschokolade“ (giri-choco). Eine Geschenkkultur, die ins Geld geht. Nicht zuletzt, weil diese Geste unter allen Umständen erwidert werden muss – einen Monat später am White Day.
Dieser wurde in den 1980er-Jahren von Süßwarenherstellern als „Tag der Antwort“ ins Leben gerufen. Absatzreich ist dieses Brauchtum jedenfalls, denn wer am Valentinstag von einer Frau Schokolade erhalten hat, sollte am 14. März im doppelten oder dreifachen Wert zurückschenken. Ist das Retour-Geschenk nur vom selben Wert, wird nämlich indirekt kommuniziert: „Ich möchte unsere Beziehung beenden.“
Der White Day verbreitete sich zwar im ostasiatischen Raum, verliert jedoch mittlerweile an Popularität, nicht zuletzt aufgrund des sozialen Drucks. In manchen japanischen Firmen wird daher das Schenken von Pflichtschokolade am Valentinstag verboten und der Kreislauf des gegenseitigen Beschenkens durchbrochen. In Mode gekommen ist stattdessen die jibun-choco: die Schokolade, die man sich selbst gönnt. Das japanische Lifestyle Magazin Tokyo Weekender führt diese Entwicklung auf das steigende Bewusstsein für Rollenbilder und Gleichberechtigung zurück.
Fleisch, Fellatio, Feminismus
Gleichberechtigung soll auch der Grund für die Einführung des satirischen Steak and Blowjob Day gewesen sein, der sich mit dem White Day das Datum teilt und über das Internet als Schniblo-Tag nach Deutschland und Österreich fand. Sein Ursprung ist nicht eindeutig geklärt, dürfte aber auf den DJ eines amerikanischen Radiosenders zurückzuführen sein. Wenig überraschend: Von feministischer Seite werden der Tag und sein Name heftig kritisiert.
Klischees als Brauchtümer
Dass Schniblo-Tag und White Day in Abhängigkeit voneinander entstanden sind, scheint naheliegend, doch Hinweise darauf gibt es kaum. Was die beiden Brauchtumstage jedenfalls verbindet, ist ihre Problematik hinsichtlich normativer Rollenbilder und Gleichberechtigung. „Der Schnitzel-und-Blowjob-Tag beruht indirekt auf der Annahme, dass der Valentinstag ein Ungleichgewicht zugunsten von Frauen erzeugt, das durch eine Gegenleistung wieder ausgeglichen werden müsse“, sagt Sarah Frühwirth, anglistische Literatur- und Kulturwisschenschafterin mit derzeitigem Forschungsschwerpunkt auf Gender Studies. „Das ist jedoch eine verzerrte Sichtweise, die ignoriert, dass es in den meisten Kulturen weiterhin strukturelle Ungleichheiten gibt, die Männern gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Vorteile verschaffen.“ Gleichzeitig werden Stereotype wie die Frau am Herd oder der triebgesteuerte Mann reproduziert.
Und die japanischen Brauchtümer? Der Valentinstag galt hier zu Recht als wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung, denn er machte das Liebesgeständnis der Frau salonfähig. Doch letztlich wurde die Emanzipation als Marketingstrategie instrumentalisiert, um die Umsätze heimischer Süßwarenhersteller zu steigern. Frühwirth betont das kommerzielle Interesse romantischer Feiertage. Auch der White Day verfestige klassische Rollenbilder.
Der Schnitzel-und-Blowjob-Tag beruht indirekt auf der Annahme, dass der Valentinstag ein Ungleichgewicht zugunsten von Frauen erzeugt, das durch eine Gegenleistung wieder ausgeglichen werden müsse
Schließlich müssen Männer in höherem Wert zurückschenken. „Dies spiegelt nicht nur das vielerorts weiterhin bestehende finanzielle Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern wider, sondern bedient auch das Klischee, dass Männer in einer Beziehung eine versorgende Rolle einnehmen müssen.“
Entromantisiert sind die romantischen Feiertage. Warum aber auf einen bestimmten Tag warten, um den Liebsten seine Zuneigung zu vermitteln? Frühwirth postuliert: „Statt sich auf vorgefertigte Rituale zu stützen, wäre es sinnvoller, eine Kultur der Wertschätzung zu fördern, die unabhängig von Geschlecht oder Erwartungen funktioniert.“