Leopold Weiss geboren in Lemberg, führte ein außergewöhnliches Leben. Nach seiner Konversion zum Islam und einem bewegten Leben in der arabischen Welt, widmete er sich 17 Jahre lang der Übersetzung des Korans ins Englische. Diese Übersetzung gilt heute als eine der einflussreichsten und tiefgründigsten Interpretationen des heiligen Textes.
Als Leopold Weiss am 2. Juli 1900 in Lemberg geboren wurde, war die Welt noch in Ordnung. Weiss wächst in einer jüdisch-religiösen Familie, in einer komfortablen Villa auf. Die Sommer verbringt er auf dem Gut der Großeltern. Sein Großvater war Rabbiner, sein Vater Rechtsanwalt. In Schulen, Universitäten und auf Ämtern wird noch deutsch gesprochen.
Mit dem Ende der Monarchie zieht die Familie nach Wien. Weiss beginnt mit dem Studium der Philosophie und Psychoanalyse. „In der Tat berauschten die Freud‘schen Ideen meinen jungen Geist wie starker Wein“, beschreibt er die Jahre in Wien, wo er in Cafés den Diskussionen der Künstler und Intellektuellen lauscht. Doch die „geistige Arroganz“ – wie er sie nennt – stößt den jungen Mann ab. Er geht nach Berlin, arbeitet als Journalist und Assistent des Regisseurs Friedrich Murnau (‚Nosferatu’).
Jerusalem
Sein Onkel Dorian Feigenbaum, ein Schüler Freuds, der in Jerusalem eine Klinik leitet, lädt ihn zu einem Besuch ein. Dieser erste Kontakt mit der Welt des Islams hat ihn zeitlebens beeinflusst. Er bleibt in der Region und schreibt für die Frankfurter Zeitung, lernt arabisch und beginnt mit dem Studium der Schriften des Islams.
1926 konvertiert er vom Judentum zum sunnitischen Islam, ändert seinen Namen zu Muhammad Asad und reist nach Mekka. Seine Berichte von Ägypten bis Afghanistan erscheinen in deutschen und europäischen Zeitungen. König Ibn Saud, der Gründer Saudiarabiens, wird auf ihn aufmerksam und nimmt ihn als Freund und Berater auf.
1932 geht er nach Indien. Aufgrund seines österreichischen Passes verhaften ihn die Briten mit Beginn des Krieges. Die folgenden Jahre verbringt er in einem Internierungslager. Seinem älteren Bruder gelingt die Flucht aus Wien. Der Großteil seiner Verwandten überlebt den Holocaust nicht.
In Indien arbeitet er mit Muhammad Iqbal an der neuen Verfassung von Pakistan. Nach der Teilung von British-India verpflichtet ihn Pakistan als Diplomat für die UNO in New York, stellt ihm den ersten Pass Pakistans aus, und Weiss ist damit der erste offizielle Staatsbürger Pakistans. 1959 zieht er sich in die Schweiz zurück, später nach Marokko und Südspanien, wo er 1992 stirbt.
Abschottung
1980 erscheint seine englische Übersetzung des Korans – The Message of the Qur’an –, ein international anerkanntes Meisterwerk. 17 Jahre lang arbeitet er an der Übersetzung und den Kommentaren. Gai Eaton, ein führender muslimischer Philosoph: „Es ist die beste und auch hilfreichste Übersetzung des Korans, die auf Englisch existiert, eine außergewöhnliche Leistung.“ Der englische Text von Weiss wird Grundlage für Übersetzungen in ein Dutzend weiterer Sprachen.
Gegen Ende seines Lebens ist Weiss enttäuscht von der intellektuellen Abschottung der islamischen Welt, der Intoleranz der Extremisten: „Ich habe mich in den Islam verliebt, jedoch die Muslime überschätzt.“ 2007 wird der Verein ‚Leopold Weiß Institut zur Erforschung zeitgenössischen muslimischen Lebens und Denkens‘ in Wien gegründet, 2008 der Platz vor der UNO-City in Wien nach Muhammad Asad benannt.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2025 erschienen.