Kaum haben sie die geringstmögliche Gremienreform für den ORF beschlossen, kritisieren die gleichen Medienpolitiker eine Gagenpyramide, die erst durch Zuschauen und Mitwirken ihrer Parteien entstanden ist. Der ORF-Transparenzbericht alias Promi-Pranger wirkt als Bumerang.
Wie unglücklich der ORF mit seiner Pflicht zum Transparenzbericht ist, zeigt dessen Aufbereitung im Web. Die 72 Seiten stehen nur zum umständlichen digitalen Durchblättern, aber nicht als Download zur Verfügung. Das verführt Kritiker noch mehr dazu, sich auf die Namensliste der Spitzengehälter zu konzentrieren – den Pranger für alle Top-Verdiener über 170.000 Euro Brutto-Jahreseinkommen. Die postwendende Schnappatmung auf dem Boulevard als kleinen Preis für großes Schmerzensgeld müssen diesmal 74 ORF-Mitarbeiter aushalten. Das sind immerhin zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Kopf-an-Kopf mit Politikergagen
Prompt empören sich Regierung und Opposition in Abstufungen. Medienminister Andreas Babler kritisiert, dass es Spitzenverdiener gibt, „deren Gehalt höher ist als jenes des Bundespräsidenten, während gleichzeitig Leistungskürzungen für das Publikum in den Raum gestellt werden“. Alexander Van der Bellen erhält 367.528 Euro brutto pro Jahr. Außer ORF-Chef Roland Weißmann (427.500) übertreffen ihn die Noch-Besser-Verdiener, Standort-Projektleiter Pius Strobl (451.710) und Ö3-Mann Robert Kratky (472.702).
Babler (288.778) würde am Küniglberg knapp die Top 5 verfehlen, während Kanzler Christian Stocker (328.160) noch in sie käme. Das erinnert an ein Interview, das Armin Wolf (10. mit 266.855) mit ihm vor einem Jahr geführt hat. Der damalige ÖVP-General, Nationalrat und Vizebürgermeister wollte partout nicht zugeben, dass er mehr als der „ZiB 2“-Anchorman einnimmt.
Entsprechend zurückhaltend meint der aktuelle schwarze Generalsekretär Nico Marchetti, „dass die jungen Mitarbeiter ohne großzügige Altverträge oder der Kameramann nicht die sind, bei denen man als Erstes ansetzen sollte“. Das blaue Pendant Christian Hafenecker ortet erwartbar „Gehaltsexzesse“ im „zwangssteuerfinanzierten Privilegienstadl“. Glaubwürdig ist alles nicht. Letztlich sind Politiker wie ORF‘ler öffentlich finanziert. Manche zu gut, andere schlecht. Fast 100.000 Euro Durchschnittsverdienst verstellen den Blick auf das interne Gehaltsgefälle. Seine einzige Lösung ist eine Pensionierungswelle. In Form eines Kahlschlags vernichtet sie aber inhaltliches Kapital – die wertvollste Ressource des Hauses.
Ablenkung vom Sparprogramm
Viele Einkommen im ORF sind weder marktkonform noch betriebswirtschaftlich zu rechtfertigen. Sie entspringen einer Ära des Monopols – unter SPÖ und ÖVP. Das Gesamtniveau ist zu hoch, ohne dass jüngere Leistungsträger davon profitieren. Dass sie dennoch der Küniglberg lockt, liegt am Darben der gesamten Medienbranche. Der öffentlich finanzierte ORF wirkt dagegen als sicherer Hafen. Ein Trugbild.
Die Veröffentlichung individueller Top-Gagen erschwert bloß die Sparkurs-Kommunikation: Zu 325 Millionen Euro von 2023 bis 2026 kommen 220 infolge eingefrorener Haushaltsabgabe bis 2029 und 100 wegen Deckelung des ORF-Beitrags. Der Transparenzbericht wirkt als ungewolltes Ablenkungsmanöver von dieser Mammut-Management-Aufgabe. Ob sie bewältigt wird, wäre der beste Maßstab für die Entlohnung der Bestverdiener. Doch wenn sich das beurteilen lässt, sind sie wohl – parteipolitisch bedingt – längst nicht mehr in Funktion.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: pp@plaikner.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2025 erschienen.