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Leise, aber stark: Der Leipziger Buchpreissieger "Halbinsel"

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Kristine Bilkau freut sich über ihren Preis
©APA/APA/dpa/Hendrik Schmidt
Inmitten turbulenter Zeiten ist es ein erstaunlich leises und unaufgeregtes Buch, das vor wenigen Tagen den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik gewonnen hat. Kristine Bilkaus "Halbinsel" liegt im nordfriesischen Wattenmeer und ist der Wohnort der Bibliothekarin Annett, die sich nach einem körperlichen Zusammenbruch ihrer in Berlin lebenden Tochter Linn plötzlich mit neuen Umständen konfrontiert sieht, die sie auch ihr eigenes Leben neu befragen lassen.

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Obwohl der Ton der Ich-Erzählerin Annett nachdenklich und überaus reflektiert ist, sind große Fragen, ja Katastrophen als Echo durchaus präsent. Der plötzliche Herztod ihres geliebten Mannes beim Joggen, der sie vor vielen Jahren zur Alleinerzieherin machte, taucht immer wieder in der Erinnerung auf, die Zukunft der eindrucksvollen Naturlandschaft angesichts des zu erwartenden Anstiegs des Meeresspiegels ist ein Thema, mit dem sich die Bewohner schon in der Gegenwart auseinanderzusetzen haben.

Genau dieser Kontrast scheint die Leipziger Jury überzeigt zu haben: "Leicht nacherzählbar scheint dieses Buch zunächst, doch das ist eine Täuschung. Kristine Bilkau trägt sukzessive Schichten von Fragen ab, die verunsichern. Das unerwartet zusammengeführte Duo aus Mutter und erwachsener Tochter braucht mehr als guten Willen für ein neues Lebensmodell", heißt es in der Begründung für die Zuerkennung des Preises. "'Halbinsel' ist ein sensibel gebauter Roman über emotionale Altlasten, über Großzügigkeit und über das Geschäft mit dem Klima-Gewissen."

Die in Hamburg lebende und bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin, die mit ihrem Roman "Nebenan" 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, ist Jahrgang 1974. Viele Überlegungen der Endvierzigerin Annett, die mit dem Gedanken spielt, noch einmal ein neues Leben anzufangen und sich per Computer kontinuierlich über passende Stellenanzeigen informieren lässt, dürfte sie wohl teilen. Dazu gehören auch die Fragen, wie man das eigene Leben bisher gemeistert hat, was man dem Nachwuchs mitgeben konnte und was dieser nun daraus macht.

Die große Generationenabrechnung liefert dieser Mutter-Tochter-Roman nicht. Obwohl sich Linn in Klimafragen stark engagiert und auch beruflich damit zu tun hat, stehen politische Versagensvorwürfe à la "Welche Welt habt ihr uns hinterlassen?" nicht im Zentrum. Das Umweltthema wird eher über die Bande gespielt: Linn verlässt ausgerechnet dann der Sinn, als sie bei einem Vortrag die CO2-Kompensation durch Aufforstungsprogramme als gewinnorientiertes Business entlarven möchte, an dem auch ihr Auftraggeber profitiert. Und das zum gleichen Konzern gehörende Hotel stellt enorme Kosten in Rechnung, die angeblich aus dem Zusammenbruch der Tochter entstanden sind.

Dass Annett am Ende gegen den Konzern die Oberhand behält und die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter nicht eskalieren, sondern ohne tiefe Wunden zu schlagen zu einem versöhnlichen Ende führen, ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich. Es gibt Hoffnung, scheint Kristine Bilkau sagen zu wollen, es kann alles zivilisiert geregelt werden. So wie auch der einzige existenzielle Gefahrenmoment des Romans: Ein losgerissenes Pferd bringt eine Gruppe Watt-Wanderer vom rechten Weg ab und in Zeitnot, während die Flut steigt. Die Behörden übernehmen den Notfall routiniert und bringen die Ausflügler in Sicherheit. Das Pferd lässt sich freilich nicht einfangen. Und wird Tage später als im Wattmeer treibender Kadaver gesichtet.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Kristine Bilkau: "Halbinsel", Luchterhand Literaturverlag, 224 Seiten, 24,70 Euro)

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