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Vom Wiener Staatsballett ins Schweizer Bergdorf

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Führungswechsel im Wiener Staatsballett: Martin Schläpfer hat bewegt – als Ballettdirektor, Chefchoreograf und künstlerischer Leiter der Ballettakademie. Während der Pandemie und nach einem Skandal übernahm er die Spitze(nschuhe), fünf Spielzeiten später tanzt er ab. Mit Saisonende zieht Schläpfer in die Schweiz. Und was bleibt Wien von seinem Werk?

Mit einem heiteren Hopser hüpft Martin Schläpfer in den Probensaal der Wiener Staatsoper, dem Spiegel zugewandt, den Blick auf seine Füße gerichtet – als stünde statt eines Interviews eine Tanzstunde bevor. Sein Auftritt charakterisiert den gebürtigen Schweizer besser als jede Funktionsbeschreibung: Ein Künstler steht im Raum. Und mit ihm eine kreative Vision, die in Wien teils an Grenzen stieß, für Kritik sorgte und gleichzeitig zahlreiche innovative Neuerungen ermöglichte.

Choreografische Vielfalt

Dass Schläpfers erste Uraufführung im Dezember 2020 pandemiebedingt als Online- und Fernsehevent stattfinden musste, hatten sich wohl weder Ensemble noch Publikum erhofft. Corona sollte die Willkommensgeste des zweiteiligen Ballettabends „Mahler, live“ jedoch nicht schmälern. Für jedes Mitglied der Compagnie – auch für jene der Volksoper – hatte der neue Ballettdirektor in seinem Stück „4“ im Sinne eines tänzerischen Kennenlernens choreografiert. Die Begegnung zwischen Compagnie und Publikum blieb zwar vorerst digital, doch es sollten im Laufe der Jahre noch weitere Uraufführungen folgen.

Zu diesen zählten „Sinfonie Nr. 15“ (2021), „In Sonne verwandelt“ (2022) und „Peter und der Wolf“ (2025). Sie feierten an Staatsoper, Volksoper und Nest* ihre Uraufführungen, mischten sich unter Werke von Alexei Ratmansky und Anne Teresa De Keersmaeker, die den Spielplan des Wiener Staatsballetts um Facetten erweiterten. Während Konstanten wie Nurejew, Balanchine und Forsythe fortbestanden, förderte Schläpfer junge Choreografen und Choreografinnen wie Adi Hanan. „Diese Kunst hat eine lange und große Tradition, die es zu pflegen gilt, aber gleichzeitig bin ich überzeugt: im Hier und Jetzt entsteht gerade der Tanz!“

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Kritik am Führungsstil

Schläpfers kommende Uraufführung „Pathétique“ (9. April 2025) wird vorläufig seine letzte in Wien bleiben. Ein Spielplan, mit dem der Direktor auf Vielfalt setzen wollte, wurde gleichzeitig für die „Omnipräsenz“ seiner eigenen Choreografien kritisiert. Dieser Einwand würde, so Schläpfer, der Situation nicht gerecht. Er berücksichtige weder die erschwerten Bedingungen durch Corona noch den Verkaufserfolg seiner Stücke. „Und selbstverständlich wollte ich die künstlerische Neuausrichtung mitprägen. Auch dafür hat man mich engagiert. Es ist seltsam, dass man kritisiert, dass ein Choreograf choreografiert.“ Die wesentlichen Compagnien seien alle dadurch entstanden, dass deren Direktoren auch choreografierten. „Genau das gibt dem Ensemble eine Eigenständigkeit und Nuancierung.“

In der Fachwelt waren zu Beginn seiner Direktionszeit Personalentscheidungen Schläpfers bemängelt worden. Diese hätten es ihm ermöglicht, Platz für Tänzer aus dem Ballett am Rhein zu schaffen. Das Resultat: manch unzufriedener Tanzfan. Nachlassende Exaktheit des Ensembles wurde in Kritiken immer wieder beklagt. „Es ist für mich in meinen Stücken nicht prioritär, ob die Linien stimmen“, gibt Schläpfer offen zu. „Mich interessiert primär die künstlerische Aussage – das Körperliche, emotionale und geistige Energien, die Auseinandersetzung mit Musik. Aber natürlich verstehe ich, dass das Wiener Staatsballett royal, klassisch glänzen soll. Es mag gut sein, dass Alessandra Ferri* diese eher akademisch klassische Richtung wieder mehr betonen wird. Mein Schwerpunkt ist ein anderer.“

Kindgerechte Ballettausbildung

Kritik am Staatsballett gab es auch schon unter Schläpfers Vorgänger Manuel Legris. 2019 untersuchte eine Sonderkommission Vorwürfe zum Ballettakademie-Skandal. Festgestellt wurden fehlendes Problembewusstsein in Bezug auf Kindeswohl und unzureichende medizinisch-therapeutische Versorgung der Ballettschüler.

Kein einfacher Start für einen neuen künstlerischen Leiter der Ballettakademie. „Dass es Kontrollorgane gibt, wie ein Kindeswohl-Team und eine Psychologin – also neutrale Anlaufstellen innerhalb der Ballettakademie – war zwingend wichtig“, betont Schläpfer, der sich in seiner Funktion auch für eine Renovierung der Stockwerke engagierte. „Für Compagnie und BAK-Studierende war die Ausrüstung aller Säle und der Bühnen mit Schwingböden eine überfällige Maßnahme.“ Besucht man heute die Ballettakademie in der Goethegasse, entdeckt man außerdem zahlreiche Infoblätter mit Angeboten von Massagen und Physiotherapien bis zu individueller Ernährungsberatung. „Ein Ausbildungsinstitut zu werden, das den heutigen Ansprüchen genügt, das ist uns gelungen“, bewertet der scheidende Ballettdirektor seine Arbeit.

Das Gebilde Wiener Staatsballett so umzubauen, wie mir das vorschweben würde – politisch, strukturell –, eine Ballettintendanz, die auf Augenhöhe mit dem Opern- und Orchesterbetrieb stünde, dafür sind die Häuser leider nicht bereit

Martin Schläpfer
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Offene Türen, offene Fenster

Zentral war für Schläpfer unbestreitbar das Thema der Öffnung – choreografisch wie strukturell. Die neue Spielstätte Nest schafft einen Berührungspunkt zu einer wichtigen Zielgruppe, führt junge Menschen früh an Tanzkunst heran. Und auch die unter Schläpfer eingeführten Open Classes – Balletttraining zum Mitmachen – verbinden. „Die Open Class ist ein Fenster, das Kontakt zum Staatsballett ermöglicht“, erklärt der Chefchoreograf, der hier auch selbst unterrichtet. Besucht man eine Tanzstunde, trifft man auf Ballettschülerinnen aus dem In- und Ausland, auf Profi- wie Hobbytänzerinnen und sogar auf den begeistert mittanzenden Schulwart der Akademie.

Auch der Nachfolgerin galt es, alle Türen zu öffnen. Schläpfer beteuert, er sei um einen harmonischen Übergang bemüht, denn es gehe um die Sache, nicht um Befindlichkeiten. „Alessandra Ferri und ihr Team können jetzt einen gut strukturierten Betrieb übernehmen.“

Dass seine Nachfolgerin keine choreografierende Direktorin sein würde, gab man bereits 2023 bekannt. „Es gibt fast keine Choreografen mehr, die das Können, die Nerven und die Erfahrung haben, einen Riesenbetrieb zu leiten und gleichzeitig zu choreografieren“, beobachtet Schläpfer. „Was daher passieren wird, ist eine gewisse Angleichung des Repertoires. Jeder Betrieb kauft die gleichen Stücke ein.“

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Tanz verbindet: Mit seiner Choreografie „4“ verortete sich Schläpfer Ende 2020 im Wiener Staatsballett. In einer Zeit der pandemiebedingten Isolation begegnete sich auf der Bühne die gesamte Compagnie

 © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

„Managing-Aspekt zu groß“

Er selbst wolle nie wieder Chef sein. „Der Managing-Aspekt ist zu groß geworden.“ Die Kombination aus Administration und choreografischer Tätigkeit empfinde er als kunstfeindlich. Daher also keine Vertragsverlängerung in Wien? „Das Gebilde Wiener Staatsballett so umzubauen, wie mir das vorschweben würde – politisch, strukturell –, eine Ballettintendanz, die auf Augenhöhe mit dem Opern- und Orchesterbetrieb stünde, dafür sind die Häuser leider nicht bereit.“

Rückzug in die Schweiz

Mit Saisonende geht es für den scheidenden Direktor zurück in seine Heimat. „Ich freue mich wahnsinnig auf ein neues Leben“, sagt er und berichtet von Hühnern, Gämsen, Hunden, die im Bergdorf warten.

Pension oder Pause? Das lasse Schläpfer auf sich zukommen. Eine Zusammenarbeit mit Wien ist zu diesem Zeitpunkt jedenfalls nicht geplant.

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 © Bild: Matt Observe

Pathétique

Der dreiteilige Ballettabend vereint zwei Ikonen der New Yorker Tanzmoderne – George Balanchine und Merce Cunningham – mit einer Uraufführung von Martin Schläpfer, Premiere am 9. April

www.wiener-staatsoper.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2025 erschienen.

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