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Allergien: Warum unser Immunsystem auf harmlose Stoffe überreagiert

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Fehlende Parasiten, saubere Umwelt – steckt hier die wahre Ursache der Allergie-Epidemie?

Allergien auf dem Vormarsch: Überreaktionen des Immunsystems

Allergien sind fehlgeleitete Immunreaktionen, bei denen der Körper harmlose Fremdstoffe als gefährliche Feinde behandelt. Dabei werden zumeist IgE-Antikörper gebildet, die sich an Mastzellen – spezialisierte Immunzellen in Haut und Schleimhäuten – anheften​. Kommt es erneut zum Kontakt mit dem Allergen (etwa Blütenpollen oder einem Nahrungsmittelprotein), vernetzen die Allergene die IgE-Antikörper auf der Zelloberfläche. Diese Vernetzung aktiviert die Mastzellen und führt zu ihrer Degranulation – der schlagartigen Freisetzung entzündlicher Botenstoffe​. Histamin ist einer der wichtigsten dieser Stoffe und verursacht die typischen Sofortreaktionen: laufende Nase, tränende Augen, Juckreiz, Schwellungen und im Extremfall einen anaphylaktischen Schock​. Später freigesetzte Mediatoren wie Leukotriene fördern anhaltende Entzündungen, was zu chronischen Beschwerden wie Asthma oder Ekzemen beitragen kann​.

Für die Betroffenen sind diese Symptome mehr als nur lästig. In schweren Fällen können allergische Reaktionen lebensbedrohlich werden. Mit der Zunahme von Allergien steigt daher auch die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung. Tatsächlich gehören Allergien heute in industrialisierten Ländern zu den häufigsten chronischen Erkrankungen​. Laut Daten des Robert Koch-Instituts hat in Deutschland inzwischen etwa jeder dritte Erwachsene und jedes vierte Kind mindestens einmal im Leben an Allergiesymptomen gelitten – von Hautausschlag über Heuschnupfen bis Asthma​. Jeder zweite Deutsche zeigt in Allergietests eine Sensibilisierung auf mindestens einen Stoff​. Mediziner beobachten diesen Trend schon lange: Bereits seit rund 150 Jahren steigen die Allergiefälle in Europa und Nordamerika kontinuierlich an​. Waren es anfangs vor allem Heuschnupfenfälle im späten 19. Jahrhundert, kamen ab den 1960er-Jahren vermehrt allergisches Asthma und seit den 1990ern zunehmend Nahrungsmittelallergien hinzu​. Die Frage drängt sich auf: Warum spielt bei immer mehr Menschen das Immunsystem verrückt? Die genetische Veranlagung kann den rasanten Anstieg kaum alleine erklären – das Erbgut der Bevölkerung ändert sich nicht so schnell​. Forscher richten daher ihren Blick auf Änderungen in unserer Umwelt und Lebensweise.

Evolutionäre Theorie: Ein Immunsystem ohne seine „alten Feinde“

Eine prominente Hypothese besagt, dass Allergien ein Nebenprodukt unserer evolutionären Abwehrstrategie gegen Parasiten sind. Der menschliche Organismus lebte über Jahrtausende in enger Gemeinschaft mit Würmern und anderen Parasiten, und das Immunsystem entwickelte spezielle Waffen dagegen. IgE-Antikörper und Mastzellen, die heute Allergien vermitteln, dienten ursprünglich der Abwehr von Parasitenbefall​. „Es ist eine sehr aggressive Reaktion, die darauf ausgelegt ist, einen Parasiten schnell loszuwerden, und sie wird von einem Antikörper namens IgE vermittelt“, erklärt der Immunologe Nick Furnham von der London School of Hygiene & Tropical Medicine​.

Diese Immunreaktion läuft bei Wurminfektionen normalerweise kontrolliert ab: Parasiten haben Mechanismen entwickelt, das Immunsystem zu modulieren und übermäßige Reaktionen abzuschwächen, damit sie langfristig im Wirt überleben können​. Daher kommt es bei Menschen nicht zu dauerhaften Allergien gegen die Parasiten selbst, das Immunsystem „beruhigt“ sich nach einiger Zeit wieder​. Anders bei modernen Allergenen: Blütenpollen, Hausstaubmilben oder Nahrungsmittel sind keine echten Parasiten. Wenn das fehlgeleitete Immunsystem dennoch mit seinem Parasiten-Programm darauf reagiert, bleibt die „Abschalt“-Signalgebung aus – die Folge können anhaltende Allergien sein​.

Eine aktuelle molekulare Analyse von Allergie-Proteinen stützt diese Idee. Forscher fanden heraus, dass bestimmte Allergene auffallende Ähnlichkeit mit Proteinen von Parasiten besitzen​. So entdeckte man im Labor erstmals ein Protein eines parasitären Wurms, das vom menschlichen IgE wie ein Pollenallergen erkannt und attackiert wird​. Dieses Ergebnis untermauert die Theorie, dass das Immunsystem mancher Menschen harmlose Umweltstoffe mit seinen alten Widersachern verwechselt​. „Es muss eine molekulare Ähnlichkeit zwischen den Proteinen geben, die Allergien auslösen, und jenen, die das Immunsystem eigentlich bei Parasiten erwartet“, erläutert Furnham die Befunde​.

„Es muss eine molekulare Ähnlichkeit zwischen den Proteinen geben, die Allergien auslösen, und jenen, die das Immunsystem eigentlich bei Parasiten erwartet“, erläutert Furnham die Befunde​.

Immunologe Nick Furnham von der London School of Hygiene & Tropical Medicine

Hinzu kommt: In der modernen Welt fehlen dem Immunsystem oft die echten Parasiten als Gegner. In wohlhabenden Ländern sind Wurmerkrankungen und viele Infektionskrankheiten durch verbesserte Hygiene, sauberes Wasser und Medizin stark zurückgegangen​. Dieser Erfolg der Gesundheitsvorsorge hat jedoch einen Preis. Tierversuche zeigen, dass eine Wurminfektion paradoxerweise vor Allergien schützen kann: Infizierten Mäusen reagierten deutlich weniger allergisch in der Lunge​. „Wir vermuten, dass Wurminfektionen auch beim Menschen vor allergischen Erkrankungen schützen“, sagt der Immunologe Immanuel Erb von der Universität Würzburg​.

Er weist auf einen auffälligen epidemiologischen Unterschied hin: „In Entwicklungsländern, wo Allergien sehr selten sind, haben fast alle Kinder irgendwelche Darmparasiten. In der westlichen Welt kommen Wurmerkrankungen dagegen kaum noch vor. Es ist anzunehmen, dass da ein Zusammenhang besteht.“​Mit anderen Worten: Das Immunsystem westlicher Gesellschaften könnte unterfordert sein – ohne die ständige Konfrontation mit Parasiten und Keimen gewissermaßen “auf der Suche nach Ärger“, was zu Fehlalarm gegen Pollen & Co. führt. Diese Hygiene-Hypothese, erstmals 1989 vom britischen Epidemiologen David Strachan formuliert, liefert eine plausible Erklärung für den Allergie-Boom und wird von vielen Experten seit Jahren favorisiert​.

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 © IMAGO / Westend61

Sauberkeit, Stadtleben und moderne Gewohnheiten im Verdacht

Doch ist wirklich „zu viel Hygiene“ allein schuld am Allergie-Anstieg? Ganz so einfach scheint es nicht zu sein. Aktuelle Forschung relativiert die Hygiene-Hypothese teilweise. So hat ein internationales Team 2023 experimentelle Mausstudien durchgeführt, um den Einfluss von Mikroben genauer zu prüfen​. Dabei wurden sogenannte „Wildling“-Mäuse – Labormäuse mit einem natürlichen, artenreichen Mikrobiom – von Geburt an mit unzähligen Keimen großgezogen und mit keimfreien Mäusen verglichen​. Überraschenderweise entwickelten die mikroben-exponierten Mäuse ebenso starke allergische Reaktionen wie die steril aufgezogenen Tiere​. Eine keimreiche Umgebung allein schützte die Mäuse also nicht vor Allergien. Die Wissenschaftler hinter der Studie zweifeln daher daran, dass übermäßige Sauberkeit beim Menschen der Hauptrisikofaktor für Allergien ist​. Sie vermuten, dass andere Faktoren der modernen Lebensweise eine entscheidende Rolle spielen könnten – etwa Umweltfaktoren oder veränderte Verhaltensweisen im Alltag​.

Auch Allergologe Thomas Platts-Mills betonte bereits, dass die große Allergiewelle ab den 1960er-Jahren nicht allein durch die Verbesserungen der Hygiene erklärbar ist​. Zu diesem Zeitpunkt waren infektiöse Krankheiten in Städten wie New York oder München schon lange drastisch reduziert – dennoch schossen die Allergiezahlen erst später in die Höhe​. Forscher nehmen daher weitere Lebensstiländerungen unter die Lupe. Ein Beispiel ist das veränderte Wohn- und Freizeitverhalten: Mit zunehmender Urbanisierung und Technisierung verbringen Kinder heute mehr Zeit drinnen vor Bildschirmen anstatt draußen in der Natur. In den 1970er-Jahren stellte man fest, dass in Ländern, in denen Hausstaubmilben das häufigste Allergen sind (etwa Großbritannien, Australien oder Japan), die Asthmafälle bei Kindern rasant zunahmen​. Besser isolierte Häuser und vermehrte Teppichböden boten Milben ideale Bedingungen – und Kinder atmeten beim Spielen in Innenräumen vermehrt Milbenallergene ein.

Gleichzeitig führten Bewegungsmangel und flachere Atmung vor dem Fernseher dazu, dass die Lungen sich seltener vollständig dehnten – ein Effekt, der nachweislich Asthma begünstigt​. Moderne Hygienegewohnheiten könnten ebenfalls indirekt beitragen: So werden Babys in Kleinfamilien heute oft täglich gebadet, was es vor einigen Jahrzehnten kaum gab​. Häufiges Waschen, antibakterielle Seifen und Konservierungsstoffe wie Triclosan können die Hautbarriere beeinträchtigen​. Einige Forscher vermuten, dass Allergene wie Erdnuss- oder Weizenproteine vermehrt über die geschädigte Haut in den Körper gelangen und so Nahrungsmittelallergien fördern​. Diese Hypothese könnte erklären, warum Lebensmittelallergien speziell in jüngerer Zeit zugenommen haben – klassische Hygiene-Theorien greifen hier nämlich zu kurz​.

Umweltverschmutzung und Mikrobiom: Weitere Puzzleteile

Neben Parasitenmangel und Lebensstil stehen auch Umweltfaktoren im Verdacht, das Immunsystem aus dem Gleichgewicht zu bringen. So gibt es Hinweise, dass die Luftverschmutzung und der Klimawandel Allergien befeuern. Schadstoffe wie Ozon, Stickoxide und Feinstaub lösen chronische Reizungen der Atemwege aus und können dort Entzündungsprozesse anheizen​. Diese Dauerreizung macht die Schleimhäute empfänglicher für allergische Reaktionen. Zudem wirken Schadstoffe und Allergene oft synergistisch: Partikel aus Abgasen können zum Beispiel Pollenoberflächen verändern und sie aggressiver für das Immunsystem machen​. In Experimenten wurde gezeigt, dass Pflanzen in belasteter Umwelt mehr allergieauslösende Stoffe produzieren. Unter erhöhten CO₂-Konzentrationen und Luftschadstoffen setzen etwa Ragweed-Pflanzen deutlich mehr Pollen frei, und ihr Hauptallergen wird in höherer Menge gebildet​. Die Folge sind längere Pollensaisonen und potentere Allergene – was bei empfindlichen Personen zu stärkeren Symptomen führt​.

Auch die Klimaerwärmung verlängert mittlerweile die Blütezeiten und verbreitet neue Pflanzenpollen nach Europa, was Allergikern zunehmend zusetzt. Experten sprechen daher von einem doppelten Effekt: “Die Klimakrise und Umweltbelastungen treiben Allergien in zweifacher Weise voran: Sie erhöhen das Allergiepotenzial der Pflanzen, und sie verstärken gleichzeitig die Reizung der Atemwege”, fasste kürzlich ein Bericht die Lage zusammen​. Ein weiterer Schlüssel könnte in unserer inneren Mikrobenwelt, dem Mikrobiom, liegen. Der menschliche Körper lebt in Symbiose mit Billionen nützlicher Bakterien auf Haut und Schleimhäuten. Diese Mikrobenvielfalt trainiert und reguliert das Immunsystem von Geburt an. Verändert sich das Mikrobiom, kann dies die Balance der Immunabwehr stören. Studien zeigen, dass Kinder, die in einer keimarmen Umgebung aufwachsen, seltener eine robuste immunologische Toleranz entwickeln.

Insbesondere eine geringere Diversität der Darmbakterien im ersten Lebensjahr wurde mit einem höheren Allergierisiko in Verbindung gebracht​. Babys mit wenig vielfältiger Darmflora neigen demnach häufiger zu allergischer Sensibilisierung und Atemwegsallergien im Vorschulalter​. Auch die Zusammensetzung der mütterlichen Mikroben während der Schwangerschaft könnte eine Rolle spielen: Weniger Vielfalt bestimmter Bakterien bei Schwangeren korrelierte in Studien mit mehr Ekzem- und Allergiefällen bei deren Kindern​. Diese Erkenntnisse untermauern das Konzept der sogenannten „Biodiversitäts-Hypothese“​. Es besagt, dass nicht nur Hygiene im engeren Sinne, sondern der generelle Rückgang der mikrobiellen Vielfalt in unserer Umwelt (durch Urbanisierung, Versiegelung, Monokulturen etc.) die Zunahme von Immunstörungen begünstigt.

Anders ausgedrückt: Unsere hochzivilisierte Umgebung bietet dem kindlichen Immunsystem nicht mehr die gleiche breite Palette an harmlosen Mikroben zum Training wie in früheren Generationen​. Wenn zugleich der Kontakt zur Natur schwindet – Stichwort „Kinder sollen im Dreck spielen“ – fehlen dem Immunsystem möglicherweise wichtige Reize, um Toleranz gegenüber Umweltstoffen zu entwickeln​. Dennoch betonen Fachleute, dass dies kein Plädoyer für schlechte Hygiene im Alltag ist: Infektionsschutz bleibt essenziell, vor allem in Krankenhäusern oder während Pandemien​. Vielmehr gilt es, gesundheitsfördernde Mikrobiome zu fördern – etwa durch Aufenthalte in der Natur, Kontakt mit Tieren, ausgewogene Ernährung und einen behutsamen Umgang mit Antibiotika, um die nützlichen Mitbewohner unseres Körpers zu erhalten.

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 © imago / Christian Ohde

Expertenmeinungen und aktuelle Studien: Kein einfacher Schuldiger

Angesichts der vielen möglichen Einflussfaktoren sind sich Wissenschaftler einig, dass es nicht die eine einfache Ursache für Allergien gibt. Vielmehr scheint ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und diversen Umweltaspekten verantwortlich zu sein. „Allergien sind multifaktoriell. Unsere Gene machen uns empfänglich, aber Umwelt und Lifestyle entscheiden, ob die Krankheit ausbricht“, fasst etwa ein Allergologe zusammen. Die klassische Hygiene-Hypothese – zu wenig Keime, zu viele Allergien – wird heute erweitert und verfeinert. Neuere Studien wie das Maus-Experiment aus Erlangen zeigen, dass die Realität komplexer ist und übertriebene Vereinfachungen in die Irre führen können​. So leiden Bauernhofkinder zwar nachweislich seltener an Allergien als Stadtkinder, was für schützende Umweltkeime spricht​. Doch andererseits gibt es auch Untersuchungen, die keinen Unterschied in der Allergieanfälligkeit trotz unterschiedlicher Keimexposition finden – wie bei den Wildling-Mäusen​. Expertenmeinungen gehen entsprechend auseinander: Einige sehen in der „Entfremdung von der Natur“ den Haupttreiber und fordern mehr mikrobielles Umfeld für Kinder, andere betonen Faktoren wie Luftqualität, Ernährungswandel oder auch psychologischen Stress als mitverantwortlich. Einig ist man sich darin, dass der Allergie-Anstieg der letzten Jahrzehnte real und besorgniserregend ist. „Allergien sind längst kein Luxusproblem, sondern eine ernstzunehmende Volkskrankheit“, warnen Mediziner – mit Folgen für Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften, etwa durch chronische Krankheiten wie Asthma.

Ausblick: Wege aus der Allergie-Epidemie?

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Zukunft? Zum einen wächst das Verständnis, dass das Immunsystem ganzheitlich betrachtet werden muss. Die Forschung arbeitet daran, die fehlende Balance wiederherzustellen. So laufen klinische Studien zu Probiotika, also der gezielten Unterstützung der Darmflora, um Allergien vorzubeugen oder abzumildern. Auch Impfstoffe gegen Allergien (Allergie-Immuntherapien) werden stetig verbessert. Ein etabliertes Verfahren ist bereits die Hyposensibilisierung, bei der Allergiker ihrem Allergen in steigender Dosierung ausgesetzt werden, um Toleranz aufzubauen. Neuere Varianten dieser Therapie – etwa mikro-dosierte orale Immunbehandlungen – haben z.B. bei Erdnussallergie teils Erfolg gezeigt​. Hierbei erhalten Patienten winzige Mengen des Allergens unter ärztlicher Aufsicht, was das Immunsystem langsam an den Stoff gewöhnt und überschießende Reaktionen „abtrainiert“​. Im Grunde imitiert man damit einen Effekt, den früher vielleicht langlebige Parasiten ausübten, indem sie das Immunsystem dauerhaft beschäftigten​. Ein anderer experimenteller Ansatz ist die Helminthen-Therapie: Dabei infiziert man Patienten absichtlich mit ungefährlichen Wurmparasiten, um die immunregulierenden Effekte zu nutzen. Erste Versuche mit bestimmten Wurmeiern oder Larven wurden bei Allergien und Autoimmunerkrankungen durchgeführt. Manche Teilnehmer berichteten tatsächlich über Besserungen – doch bislang blieb der durchschlagende Erfolg aus. Alle bisherigen Studien zu diesem Ansatz haben keine überzeugenden Ergebnisse geliefert​. Oft waren die Fallzahlen klein, und die Wirksamkeit ließ sich nicht eindeutig nachweisen​. Für die Behandlung von Darmentzündungen wurde die Methode nach enttäuschenden Resultaten einer großen Studie bereits wieder verworfen​. Helminthen als Medikament sind also (noch) keine realistische Therapieoption und werfen zudem Sicherheitsfragen auf. Dennoch liefern solche Versuche wertvolle Hinweise darüber, wie Parasiten das Immunsystem beeinflussen – Wissen, das in zukünftige Therapien einfließen könnte.

Schlussendlich dürfte die wahre Ursache von Allergien kein einzelner Faktor, sondern ein Puzzle aus vielen Teilen sein. “Es gibt nicht den einen Schuldigen – weder die Sauberkeit allein, noch ein bestimmtes Gen”, betonen Fachleute. Vieles spricht dafür, dass unser moderne Lebensstil insgesamt die Allergieneigung fördert: weniger Parasiten und Infektionen, dafür mehr künstliche Umweltreize und vielleicht auch Stress. Die Wissenschaft steht erst am Anfang, diese Einflüsse genau zu quantifizieren. Jede neue Studie – ob zu urbaner Luft, Darmkeimen oder Genvarianten – bringt weitere Puzzleteile. In Zukunft hoffen Forscher, daraus ein klareres Bild zu formen: Wie können wir die wichtigen “alten Freunde” unseres Immunsystems (harmlose Mikroben) erhalten, ohne auf zivilisatorische Fortschritte zu verzichten? Welche Maßnahmen könnten Kindern frühzeitig eine robuste Immunabwehr vermitteln? Und wie lassen sich Allergien behandeln oder sogar verhindern, ohne den Körper mit Nebenwirkungen zu belasten?

Bis definitive Antworten gefunden sind, lautet der Rat vieler Experten: Maß und Mitte. Ein ausgewogener Lebensstil – ausreichend Kontakt zur Natur, abwechslungsreiche Kost und umsichtiges Hygieneverhalten – könnte dem Immunsystem die nötige Schule bieten, um gelassener auf harmlose Umweltstoffe zu reagieren. Die Allergieforschung ist jedenfalls in Aufbruchsstimmung: Mit vereinten Kräften von Immunologie, Mikrobiologie und Umweltmedizin rückt das Ziel näher, der Allergie-Epidemie Einhalt zu gebieten. Ob letztlich Würmer, Bakterien oder Umweltmaßnahmen den Schlüssel liefern – die kommenden Jahre werden es zeigen. Klar ist schon jetzt: Die Frage nach der wahren Ursache von Allergien bleibt spannend und die Antwort dürfte unsere Sicht auf Gesundheit und Umwelt nachhaltig prägen.

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